Solarpark: Guckheim guckt drauf
Zwischen Weltersburg und Guckheim entsteht auf der ehemaligen Tongrube „Erna-Marie“ einer der größeren Solarparks des Westerwaldes. Rund 26.000 Photovoltaikmodule, etwa 16 Megawattpeak Leistung, ein erwarteter Jahresertrag von ungefähr 17 Millionen Kilowattstunden – genug Strom, um bilanziell mehr als 13.000 Menschen zu versorgen. Die Energieversorgung Mittelrhein AG (evm) will die Anlage im ersten Halbjahr 2027 in Betrieb nehmen. Eine Analyse des Projekts mit allen technischen, ökologischen und wirtschaftlichen Details hat das Westerwaldblatt veröffentlicht.
Und Guckheim guckt drauf. Im Wortsinn. Aber der Reihe nach.
Weltersburg hat alles richtig gemacht
Das Projekt hat für die Region sehr positive Auswirkungen. Es nutzt eine Fläche, die nach rund 100 Jahren Tonabbau und späterer Verfüllung ohnehin industriell geprägt ist. Genau solche vorbelasteten Standorte empfiehlt das Umweltbundesamt für Freiflächen-Photovoltaik – statt wertvoller Äcker, artenreicher Wiesen oder unberührter Landschaft. Die alte Grube bleibt nicht als schwer nutzbare Restfläche zurück, sondern wird Teil der regionalen Energieinfrastruktur.

Und Weltersburg bringt rund 45.000 Quadratmeter eigene Fläche in das Projekt ein und darf sich auf langfristige Einnahmen freuen: Flächenentgelte über Jahrzehnte sowie eine mögliche kommunale Beteiligung nach Paragraf 6 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Diese kann bis zu 0,2 Cent je eingespeister Kilowattstunde betragen, was bei 17 Millionen Kilowattstunden rechnerisch einen Höchstbetrag von bis zu 34.000 Euro pro Jahr ergäbe. Ob und in welcher Höhe eine solche Vereinbarung tatsächlich geschlossen wurde, ist öffentlich nicht bekannt. Sicher ist: Weltersburg hat sich als Standort erneuerbarer Energien positioniert und eine jahrzehntelang genutzte Industriefläche in eine langfristige Einnahmequelle verwandelt. Respekt.
Noch besser dürfte die Rechnung für den privaten Grundstückseigentümer aufgehen, dem mit rund 74.000 Quadratmetern der größte Flächenanteil gehört. Wer eine ehemalige Tongrube besitzt, hat normalerweise vor allem eines: eine ehemalige Tongrube. Jetzt wird daraus durch langfristige Nutzungs- oder Gestattungsentgelte eine planbare Einnahmeperspektive. Wie lange die entsprechenden Vereinbarungen laufen, ist öffentlich nicht bekannt. Die konkreten Beträge kennt ebenfalls niemand, da die Verträge nicht öffentlich sind. Aber man darf annehmen, dass es sich lohnt.
Und Guckheim guckt drauf
Auch die Ortsgemeinde Guckheim ist mit Gemeindeeigentum an dem Projekt beteiligt: Mit rund 1.000 Quadratmetern. Das sind weniger als ein Prozent der Projektfläche – oder anders gesagt ungefähr ein Handtuchstreifen auf einem 13 Hektar großen Gelände.
Was das finanziell bedeutet, lässt sich auch ohne Kenntnis der Verträge zumindest grob einordnen: Von den Pachteinnahmen dürfte allenfalls ein Bruchteil auf Guckheim entfallen. Bei einer möglichen EEG-Beteiligung – falls sie überhaupt vereinbart wurde – ist dagegen öffentlich nicht bekannt, nach welchem Schlüssel die Zahlung zwischen den Gemeinden aufgeteilt würde. Konkrete Angaben dazu liegen nicht vor.

Dafür hat Guckheim etwas, das Weltersburg nicht hat und auch für kein Geld der Welt kaufen kann: die beste Aussicht auf den Solarpark.
Die Topografie ist in dieser Frage unbestechlich. Wer in Weltersburg wohnt und das eigene Energieprojekt in seiner vollen Pracht sehen will, muss dafür nach Guckheim fahren. Von geeigneten Standorten in Guckheim reicht dagegen schon ein Blick aus dem Fenster oder ein Spaziergang, um das Panorama frei Haus zu genießen: 26.000 Module, 16 Megawattpeak und ein Jahrhundertprojekt der regionalen Energiewende, gerahmt vom Westerwald.
Die Energiewende als Nachbarschaftskino
Man könnte es auch so zusammenfassen: Weltersburg hat die Einnahmen, Guckheim hat die Loge. Und während Pachtverträge irgendwann auslaufen und kommunale EEG-Beteiligungen enden, bleibt eine gute Aussicht bekanntlich für immer – zumindest bis zum Rückbau in Jahrzehnten.
Ganz leer geht Guckheim ohnehin nicht aus, denn ein paar Quadratmeter gehören schließlich auch zur Ortsgemeinde. Wer künftig Gästen das Dorf zeigt, kann mit einigem Recht auf den Hang zwischen den beiden Orten deuten und darauf hinweisen, dass Guckheim an dem großen Glitzern dort drüben zumindest ein wenig beteiligt sei. Ein bisschen jedenfalls.
Wie viel „ein bisschen“ genau bedeutet, hätte man gern gewusst. Aber solange dazu keine Zahlen vorliegen, halten wir uns an das, was sicher ist: Der Strom soll ab 2027 fließen, die alte Grube, die auch nicht die schönste war, bekommt eine sinnvolle neue Aufgabe; Weltersburg kann mit dem Solarpark Einnahmen erzielen – und Guckheim guckt drauf. Von allen Rollen, die man in einem Energieprojekt haben kann, ist das nicht die schlechteste. Nur eben die mit dem kleinsten Flächenanteil.
